Altenpflegeschüler reflektieren ihren Beruf im Medium Literatur

Ein ungewöhnliches Buchprojekt ist an der Evangelischen Altenpflegeschule e.V. in Oldenburg durchgeführt worden. Seit Oktober 2018 haben dort mehrere ganztägige Workshops und 2-stündige Schreibwerkstätten stattgefunden. Unter dem Titel „Das ICH in der Pflege“ sind die Resultate im Frühjahr 2020 im Geest-Verlag veröffentlicht worden. Das Projekt wurde vom Kulturbüro der Stadt Oldenburg gefördert. Es passt genau zu den Inhalten und Zielen der Kulturelle Bildung und Teilhabe. Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht:

Kulturelle Bildung will Kompetenzen fördern. Und wenn angehende Pflegefachkräfte sich über sich selbst und ihren zukünftigen Beruf Gedanken machen und diese Gedanken in Literatur fassen, passiert genau das. Die Teilnehmenden an dem Buchprojekt haben viele Formen kreativen Schreibens kennen gelernt: Gedichte, Schreib-Rollenspiele, Essays, Erlebnisberichte, fiktive literarische Formen. Das hat ihnen eine Fülle von Möglichkeiten zur Selbstreflexion eröffnet. Auf Fragen, wie: Wer bin ich eigentlich? Wieso will ich diesen Beruf machen? Wie möchte ich als Pfleger/ als Pflegerin sein und handeln? haben sie schreibend Antworten gesucht – und offensichtlich auch gefunden.

Die beteiligten Schülerinnen und Schüler der Klasse 17/20 können zu Recht stolz darauf sein, dieses Buch gemeinsam geschrieben zu haben. Genau dieses Gefühl möchte die Kulturelle Bildung geben. Hier geht es um Ich-Stärkung und darum, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Und das Ganze wird noch besser: Dieses Buch können und sollen auch andere lesen, vor allem andere Pflegeschülerinnen und -schüler. Gerade im Übergang zum Berufsleben oder bei einem beruflichen Neustart haben viele selten Zeit und Gelegenheit, sich mit Literatur oder anderen Künsten zu beschäftigen. Fremde Texte lesen oder gar eigene schreiben, dazu fehlen einem dann oft der Zugang und die Zeit. Und wie spannend das sein kann, über Literatur und das eigene Schreiben zu sprechen, haben die frisch gebackenen Autorinnen und Autoren dieses Buches vielleicht vorher auch nicht geahnt.

Die Kulturelle Bildung und Teilhabe verbindet mit der Förderung dieses Buches noch weitere Hoffnungen. Wenn angehende Pflegerinnen und Pfleger sich gerne kreativ betätigen, tragen sie hoffentlich ihre positiven kulturellen Erfahrungen in ihre künftigen Arbeitsstätten. Dann kommen auch die von ihnen betreuten Klienten in den Alteneinrichtungen eher in den Genuss von Kunst und Kultur. Denn die Fachkräfte unterstützen dies aus eigener Überzeugung.

„Das ICH in der Pflege" ist erschienen im Geest-Verlag, Vechta 2020.
ISBN 978-3-86685-763-6